HEY! Sie da!

Na, wer hat sofort gewusst, wer da spricht? Ein bisschen Demoerfahrung gehört dazu. Oder gerade die Nicht-Demo-Erfahrung, die Teilnahme an gemeinschaftlichen Aktionen am Rande des Versammlungsrechts1. Frau geht von A2 nach B3 und irgendwo hinter ihr brüllt dann wer. Oder man trägt Kleidung, die vorwiegend von Straftätern getragen wird4 und geht einfach nur nach Hause.
Ganz ähnlich verfährt DAS AMT. Mit hoheitlicher Gleichgültigkeit begegnet es den – beschönigend Kunden genannten – Bittstellern5, mal mehr, mal weniger offen.

Aber nicht allen ist es gegeben, solcherart Erfahrungen zu machen. Mal ist frau da aktiv, wo die Polizei gerade nicht ist, mal befindet man sich noch in Studium oder Ausbildung. Für all jene, die bisher auf das hoheitliche Auftreten von (zuweilen selbsterklärten) Amtsträgern verzichten mussten, haben wir eine Art Live Show aufgetan, die besuchen kann, wer an neuen Erfahrungen interessiert ist.
Wir präsentieren:

Das UmsonstHaus

Das UmsonstHaus ist der umgezogene Umsonstladen vom Markt (in Jena), nun in der ehemaligen Feuerwache untergebracht. Zum Finden folge frau den „Polizei“-Schildern, drehe sich, dort angekommen, um 45 Grad zum Haupteingang (stadteinwärts) und, tadaaa, da ist es. Erkennbar an riesigen Rolltoren, aber der Eingang geht über den Hof (Öffnungszeiten über MobB e.V.). Neu ist die sogenannte Kleiderkammer6.
Nun kann es passieren, dass man (vorerst) nicht eingelassen wird, weil schon zu viele Leute drin sind. Zu viele Leute = Ü15. Das hat mit dem Brandschutz zu tun. Zugegeben, es scheint derzeit keinen Festnetzanschluss zu geben, mit dem sich die Feuerwehr anrufen ließe. Im Zweifelsfall aber hätte man nur ca. 30 Meter zurückzulegen, um in der Leitstelle (!) anzuklopfen und das Problem zu schildern. Vermutlich hätte die Feuerwehr sogar ein zusätzliches eigenes Interesse daran, schnell einzugreifen, denn „Feuerwache abgebrannt“ klingt ziemlich doof.
Hat man es aber geschafft, darf man fast so lange bleiben, wie man mag. Manchmal kommt jemand vorbei, um zu zählen. Wenn bisher alles glatt gelaufen ist, musst du später wieder kommen. Die Live Show gibt es nicht immer, nur in etwa zwei Drittel der Fälle.
Dann aber so richtig. Wirklich gut klappt sie, wenn bereits auf dem Hof die wichtigen handelnden Personen anwesend sind. „Wo wolln Sie‘dn hin?“ heißt es gleich zur Begrüßung. Also: wirklich zur Begrüßung. Kein „Hallo“ davor. Schon an der Stelle kann die erfahrene Person vermuten: Ah! Hier findet gerade eine polizeiliche Maßnahme statt. Aber weit gefehlt, wir befinden uns in der KSK-Live-Show.
Geht der Besucher einfach so weiter, geübt darin, unhöfliche und indiskrete Ansprachen einfach aus dem eigenen Wahrnehmungshorizont auszublenden, geschieht, was geschehen muss. Er wird verfolgt.
Treppen, Türen, verwinkelte Räume, alles kein Problem. Die Verfolgerin weiß sich im Recht und nimmt jede Hürde, bis sie die Person stellen kann, die jede Auskunft verweigert. Ganz großes Kino.
Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, weiter zu verfahren:
1. Sei Nummer 15 (getestet)
Bleib einfach so lange, bis jemand darauf hinweist, dass du schon lange da bist und doch bitte anderen Platz machen sollst.
2. Komm wieder (getestet)
Nimm etwas mit (außer Bücher, die zählen nicht) und komme zeitnah zurück. Hast du Glück und stehst dann in der Schlange der Ü15, weist dich (mit noch etwas mehr Glück) jemand darauf hin, dass du ja (gestern, heute, vorhin) schon da gewesen seist. Dann musst du ans Ende der Schlange der Ü15.
3. Kenne jemanden oder habe ein technisches Problem (getestet)
Die Treppe rauf geradeaus ist das Headquarter der Leute, die gerade Dienst schieben7. Kennst du jemanden davon und gehst du in den Raum, bist du automatisch weg. Weg aus der „Zählung der 15″. Denn der Raum zählt nicht.
Hast du ein technisches Gerät abzugeben, das aber leider beschädigt ist, kann du auch in den Raum. Dann sprichst du jemanden an und sagt, dass hier doch auch Dinge repariert werden und an dem Schallplattenspieler nur die Nadel auszutauschen wäre oder an der Lampe nur das Kabel defekt ist. Und schon… zählst du nicht mehr.
4. Trete selbst amtlich auf (Felduntersuchung fehlt)
Sei der Bürgerrechtler, die Brandschutzinspektorin,… Und drehe den Spieß um.

Du hast bis hier her gelesen? Wie war die Sprache? Zu kompliziert? Zu einfach? Die Kolumnistin geht davon aus, dass du mindestens seit 8 Jahren deutsch sprichst (Lernphase ausgenommen, wirklich sprechen). Nun stell dir vor: Das trifft nicht auf dich zu (wie auf einen nennenswerten Teil der UmsonstHausbescucher^innen). Du hast erst vor einem knappen Jahr angefangen, die Sprache zu lernen, aber weil du dich natürlich mitteilen willst, sprichst du meistens mit Leuten, die – wie du – Tarifit oder Paschtu oder (marokkanisches) Arabisch oder Farsi oder Blin oder Tamazight sprechen. Dein Deutsch ist alles andere als ausgefeilt. Verstehst du die Regeln? Die unausgesprochenen, verzwickten, umständlichen?
Haben unsere Testpersonen der Live-Show sich auch gefragt.

  1. Das ist bildlich gemeint. Real hat das Versammlungsgesetz keinen Rand, neben dem man sein kann, es gilt im gesamten Land. Na gut, die Leute in Kostrzyn nad Odra leben quasi hinter der Grenze des Versammlungsrechts, aber das ist nicht Thema dieses Textes. [zurück]
  2. vor der polizeilichen Absperrung [zurück]
  3. hinter der polizeilichen Absperrung [zurück]
  4. hahnebüchener Unsinn. Wer kommt schon im Brioni-Anzug nur zu Fuß nach Hause? Mit Sixpack? [zurück]
  5. Auch hier: grober Unfug. Die sind natürlich keine Bittsteller, sondern Leute, die einen Rechtsanspruch wahrnehmen. Von solcherart Differenzierung hält DAS AMT natürlich nichts. [zurück]
  6. Kleiderkammer, die [Substantiv, feminin, Gebrauch: besonders Militär (hier abweichend: etwa in „unsere über 800 Kleiderkammern versorgen deutschlandweit zwei Millionen Bedürftige“ (DRK) oder in “ abgegebene Kleidung wird direkt an bedürftige Menschen weitergegeben“ (Wikipedia), nicht (!): Kleiderkammer beim Militär, LH Bundeswehr Bekleidungsgesellschaft („Durch die privatwirtschaftliche Reorganisation der Bekleidungswirtschaft der Bundeswehr sollen bei gesteigerter Qualität die Kosten gesenkt werden.[…] Als 2015 eine Insolvenz der LHBw absehbar wurde, entschied sich die Bundesregierung sie zu übernehmen; dies soll Kosten in Höhe von 91,86 Millionen € verursachen.“ (Quelle: Wikipedia))] [zurück]
  7. Das Vokabular geriet der Kolumnistin an dieser Stelle hanz zufällig ins Militärische. [zurück]