Proteste gegen Thügida (Jena) – Berichte und Pläne (die Unvollendete)

Zu Demonstrationen geht MAN in Kleingruppen. ALLE kennen die sogenannt bürgerlichen Namen der anderen. ALLE haben die EA-Nummer und die Infonummer im Kopf. MAN bleibt zusammen. ALLE haben Wasser und Kohlenhydrate dabei.
Wir kannten einander. Wir hatten EA- und Demosani-Nummer. Verteilten Kekse und Wasser.
Dann trennten wir uns.

Unuk1: Trank SPD-Kaffee. Hörte dem OB (an dem Tag im Urlaub), einem Professor und jemandem vom Theaterhaus zu. Vor Ort viele Leute. Der Thügida-Demo-Anmelder aus Kahla saß daneben und trank auch Kaffee. Der war aber selbst gekauft. Es wurde beobachtet, wie Thügida das V.I.P.-Security-Funkgerät nutzte. Das störte niemanden.
Anschließend ging es zum Paradiesbahnhof, dem Auftaktkundgebungsort von Thügida. Genauer: Es ging bis zur Polizeiabsperrung. Unuk plaudert mit einem müden Journalisten. Das wäre ja recht geballt in diesem Jahr. Unuk weist darauf hin, dass das Demonstrationsrecht ist. Dafür sind 1989 Leute auf die Straße gegangen. Wer keine Faschisten2 auf der Straße wollte, wäre damals besser zu Hause geblieben. Damit stürzte er den (freien) Journalisten in eine Glaubenskrise. Er konnte sich nicht entscheiden, was schlimmer sei.
Es folgt Musik, später abgelöst vom Pfeifen, als der ziemlich oldschool 90er-Demozug los ging. Der Paradiesbahnhof, mittlerweile alleiniger innerstädtischer Bahnhof, ist verwaist (wegen eines Kabelbrandes). Keine Züge kommen an, keine fahren ab. Im Notfall müsste man via Göschwitz die Stadt verlassen, erfuhr Unuk. Nur: Straßenbahnen fuhren ja auch nicht mehr.
Noch ein Kaffee, Besuch des Standes der Partei. Das Ende wurde von der Deutschlandhymne begleitet. Die Fackeln wirkten in der Polizeiwagenburg wie Lagerfeuer.

Chaise3: Ging zuerst zur Thügidademo. Muss man sich ja ansehen. Auf dem Weg hin kam der Anmelder entgegen. Gut geschützt von deuschen Polizisten aus fast allen Himmelsrichtungen lungerten Demo-Teilnehmende in spe in der Sonne herum. Lange kann man sich das nicht ansehen. Chaise‘ Weg führte weiter zu Leuten, die überlegten, wie man die Route blockieren kann. Pläne gab es schon, es musste nur noch mit allen geredet werden. Eine kleine Gruppe ward gefunden, man zog los. Dutzende Umwege weiter stand man an der Route, an einem Knick, an dem sie vorbei führen würde. Auch hier versperrten nebeneinander gestellte Polizeiwagen den Weg. Es wurden mehr, man blieb. Hin und wieder wurde gesagt, dass das ein wichtiger Ort ist. Die Menschen um Chaise herum waren gut vorbereitet und geduldig. Als die Fackelträger nahten, wurde gerufen.

Lucidar4: Folgte dem klassischen Weg – herumlaufen. War also vor allen anderen am Paradiesbahnhof, nach dem Mülltonnenumwerfen vor Ort, um noch zu sehen, wie freundliche Menschen die wieder aufstellten. Wanderte weiter, winkte Chaise. Beobachtete, wie junge Menschen dem Brandenburger BFE die Durchsagen der Blockade weiterleiteten. Bier tranken. Die Flaschen fein säuberlich an den Gartenzaun lehnten. Beobachtete, wie eine clevere Gruppe den Weg durch den Garten erwog – und mangels Kreuzschlitzschraubendreher (wer hat so was auch schon dabei?) wieder aufgab. Focht ein kleines „wer hat den Längsten“-Gefecht mit einem BFEler aus. Widerstand der Versuchung, in das nach oben gerichtete Gesicht mit offenem Visier zu spucken. Wurde von einer Radlertrinkerin darauf hingewiesen, dass „das doch nichts bringt“. Ging, als der Spuk vorbei war, noch rechtzeitig, um woanders zu sehen, wie ein hinterlistiger Hundeführer (dessen Hund einen Vorübergehenden derart heftig biss, dass ein Krankenwagen gerufen wurde5) von seinen Kollegen in Sicherheit – aus der Sicht der Empörten – gebracht wurde.

Der Mist in Zahlen:
- Zwischen 200-240 Faschisten folgten dem Aufruf von Thügida am 20.4.
- Aus insgesamt drei Bundesländern wurden Polizistinnen angekarrt, um das zu sichern.
- 89 Prozent der Jenaer Läden in der Innenstadt hatten wegen des Ausnahmezustandes geschlossen – nun, eigentlich schufen sie ihn damit. Sechs der dafür Verantwortlichen jammerten zeitgleich über Umsatzeinbußen in der Lokalpresse.
- Schwer schätzbare 3.000-4.000-6.000 Menschen taten es Unuk, Chaise und Lucidar gleich und protestierten in verschiedener Form (in auch anderen als den geschilderten) über die Innenstadt verteilt gegen die Faschisten.

Schlussfolgerung: Das nächste Mal bleiben wir zusammen. Gehen zum Auftaktkundgebungsort und sprengen die Wagenburgen, ziehen dann auf die andere Seite und überwinden die Polizeiabsperrung. Die sind nicht so hoch. Anschließend sammeln wir alle Hinterlassenschaften von Bier- und Radlertrinkenden und stellen uns brav an die Seite – bis die sich dann noch trauenden Faschisten kommen. Zum Abschluss gibt’s Nudeln (nicht Pasta!) von Aldi und selbst gemixtes Radler. Zumindest letzteres schafften wir schon mal.

  1. Die Namen sind natürlich geändert. Hilfreich unterstützt diesmal von: The Star Wars Name Generator (make a random name & neutral). [zurück]
  2. Genau. Faschist^innen ist so absurd wie „EvangelikaleR“ gendern. [zurück]
  3. vgl. 1 [zurück]
  4. vgl 1 [zurück]
  5. Sollte es hier Lesende gegen, die das beobachtet haben, bitte fertigt ein Gedächtnisprotokoll an (was geschah wann und wo) und meldet euch bei der Roten Hilfe. [zurück]