Heute schon Heimat geputzt?

Deine Stadt braucht dich!
Man muss schon Glück haben. Einmal früh aufstehen und dann auch noch durch den Park gehen, das Ganze auch noch am richtigen Tag – und da sieht man sie: Ärtztinnen, Kellner, Physikerinnen, die ihren Samstag für gewöhnlich wohl anders verbringen, mit festen Handschuhen, „vernünftigen Schuhen“ und Müllbeuteln gehen sie herum und spielen von Kunitz bis Maua Stadtreinigung.
Das nannte sich am letzten Samstag Saale-PUTZ und fand zum nunmehr 10. Mal statt. Diesmal luden der Verein Saale-Vision, die Bürgerstiftung Jena und Stadtentwicklungsdezernent (sic!) Denis Peisker zum fröhlichen Event, in der vergangenen Jahren wurde das Projekt auch das Uni-Umweltreferat („für ein sauberes Jena und eine saubere Saalelandschaft“) und dem USV („Bewegen für die und in der Natur“) unterstützt. In der TLZ wurde das unentlohnte Engagement herausgestrichen, mit dem Jena, wen wundert’s, mal wieder punkten will: „Die Verwaltung habe mit dem Saale-Putz einen Beitrag zur europäischen Initiative ‚Let‘s Clean Europe!‘ angemeldet. Als einzige Stadt Thüringens.“
Es wurde um Anmeldung gebeten und: „Wenn Gummistiefel und Handschuhe vorhanden sind, bringen Sie diese bitte mit. Bitte denken Sie daran, dass Sie dem Anlass entsprechende Kleidung anziehen, die auch schmutzig oder gegebenenfalls nass werden darf.“
Reine Flugdistanz sind fast 10 Kilometer bzw. 6 Meilen, weil es aber ein Flußlauf und kein Kanal ist, kann man guten Gewissens ein Drittel draufschlagen und liegt vermutlich noch immer unter der von Freiwilligen bearbeiteten Strecke.

Daran ist im Prinzip nichts auszusetzen. Müll kann durchaus mal weggeräumt werden. Kennt man ja auch von früher. Schon Lenin schrieb über die samstäglichen unentlohnten Tätigkeiten, allerdings hieß das „kommunistischer Subbotnik“ und er würdigte mit diesem Text die Unterstützung der Revolutionen durch „Arbeiter im Hinterland“, die in der üblichen Geschichtsschreibung oft untergeht.
Welche ökonomische Bedeutung diese Freiweilligenhilfe heute hat, beschreibt (überraschend klar) Marcus Rohwetter in der Zeit vom Freitag letzter Woche (in einem ansonsten nicht bemerkenswerten Artikel). Zur Aktion „Hamburg räumt auf“ (klingt gruslig, nicht?) schreibt er: „Spielt jeder Freiwillige auch nur eine Stunde lang den Straßenfeger, entspricht das aufs Jahr gerechnet mehr als 30 Vollzeitstellen.“ Gemessen hatte er das an den Zahlen der im Vorjahr zusammengekommenen Freiwilligen. In Jena waren es deutlich weniger als die 67.000, noch Ende März hoffte man auf 200, aber da arbeitet man auch drei Stunden.
Ausrüstung ist selbst zu stellen, versteht sich, hinkommen ist auch eigene Sache und für Unfälle kommt eine eventuelle eigene Unfallversicherung auf. Ist ja auch billiger, als Leute herumzufahren, für Arbeitsschutz zu sorgen und mögliche Ausfallzeiten wegen Krankheit oder Unfällen zu bezahlen.
Ist ein Subbotnik am Jenaer Saaleabschnitt 2016 das Gleiche wie einer an der Eisenbahn bei Moskau 1919?

Erinnert man sich noch der Teilnahme des „THS“ unter diesem Namen beim Stadtlauf Ende der 90er in Jenas Kernbergen? Kennt jemand die mittlerweile regelmäßigen Aufrufe zur „Zusammenarbeit“ im redaktionellen Teil von Jenapolis, auffällig zufällig immer kurz vor oder nach einer AfD-Veranstaltung? WIR wohnen doch alle hier, WIR müssen miteinander reden, WIR müssen uns für die Stadt einsetzen. Gibt es tatsächlich gemeinsame Interessen, nur weil Leute auf den knapp 115 km² „zusammen“ leben?

Kaum. Der Verweis auf den gemeinsamen Wohnort sagt nicht viel aus, aber er kann zu ziemlich vielem genutzt werden, von dem nicht viel zu halten ist. Daher knallten auch keine Sektkorken, als wir feststellen mussten, dass das verbogene Laufrad, an das wir uns noch vom letztjährigen Besuch an unserem Frischluftreffpunkt erinnerten, nicht mehr am gewohnten Platz lag. Und das lag nicht nicht an unserer schlechten Vorbereitung.
Zuletzt sei noch angemerkt: Viele andere Thüringer Städte schätzen die kostenfreie Arbeit ebenso, zuweilen wird der Stadtreinigungsersatz auch auf mehr als ein Flüsschen ausgedehnt.