Keine Wahlempfehlung

… sondern ein Exkus in die Spieltheorie, speziell das Gefangenendilemma. Zu diesem Begriff verweisen wir auf Wikipedia unter genau diesem Schlagwort1.
Am kommenden Sonntag wird ein Großprojekt dazu in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz stattfinden, an dem Leute über 18 mit deutschem Pass teilnehmen können. Die Frage kann auf die zwei Punkte heruntergebrochen werden:
- Mag ich „ausländisch ausehende“ (wahlweise „nordafrikanisch, südeuropäisch, südamerikanisch aussehende“) Menschen wirklich so wenig, oder/ und
- Will ich der Großen Koalition so sehr einen Denkzettel verpassen, dass ich vor Ärger keine besseren Ideen habe, als
dass ich die Wahlstimme jemandem gebe wie der AfD?
Anders als in der Spieltheorie geht es hier jedoch nicht um rationale Entscheidungen, die letztlich in der Gesamtheit zu Bullshit führen, sondern um angst- und ressentimentgeladene Hilflosigkeiten, die aber das gleiche Ergebnis haben können.

Aktuell reitet besagte unwählbare Partei auf der Welle der „Asylkritker“. Wo es ja schon von vornherein klar ist, dass es an Flucht und dem folgenden Asyl nur die Gründe zu kritisieren gilt, haben wir uns mal die Mühe gemacht, den Rest anzuschauen. Und das, versprochen, ohne den Punkt Asyl/Migration auch nur anzutasten.

Gucken wir also mal hin. Wir nutzen, der Kürze wegen, den Wahlomat.
Mehr als ein Viertel der Fragen (10/38) beantwortet die AfD in Sachsen-Anhalt (SaA) mit einem klaren: weiß nich‘. In BaWü und Rheinland-Pfalz (RP) sehen sie die Sache klarer (nur nicht schöner, s.u.).

Wo aktuell in RP Kitas gebührenfrei gestaltet, möchte die AfD Gebühren einführen. Wer’s nicht weiß: Für Kinder ist der Besuch von Kindertagesstätten eine gute Sache, Stichworte hierfür sind Selbständigkeit, Sprachentwickung, soziales Lernen. Das gilt auch für Superverdiener-Einzelkinder, deren Kitabesuch andernfalls durch die kostengünstigere 8-Euro-50-Nanny ersetzt wird.

Wo es in RP noch staatliche Krankenhäuser gibt, denkt die AfD – na, woran wohl? an die Patientinnen? Fehlanzeige – an die Defizite, die durch „fehlende“ Sofortentlassungen nach OPs, längere Liegezeiten und eine bessere Personaldecke entstehen. Ein Muster deutet sich an.

Wir finden es wieder, wo die AfD gegen die Mietpreisbremse zu Felde zieht. Testweise haben wir ein vierstöckiges Mehrparteienhaus entworfen und mit den Einnahmen durch Mieten verrechnet. Ergebnis: Nach weniger als 30 Jahren gehört es uns, einschließlich des Grundstückes – bei einem Mietpreis von 5 Euro pro Quadratmeter, also weit unter denen in Mainz, Koblenz und Trier. Dafür mit großem Garten, ohne jedwede Fertigteile (nicht mal für die Decken), mit Wintergarten und netten kleinen Erkern und Nischen.
Zum Vergleich: Der durchschnittliche Mietpreis in Koblenz liegt bei 7,73 Euro, bei einer Neuvermietung dürften wir selbst mit Mietpreisbremse noch bis zu 10 Prozent draufschlagen (77 ct/ m² für die Durchschnittswohnung = 38,65 bei von uns geplanter 50m²-Wohnung – für uns weniger, weil wir schon niedriger starteten, da wären’s, genau, „nur“ 25 Euro). 25 Euro einfach nur dafür, weil jemand auszog und jemand anderes einzog. Und das mit Mietpreisbremse.

Dann, natürlich, unser Hauptthema: Alg2. Die AfD findet: „Es ist die Pflicht eines jeden Leistungsbeziehers, wo und wann immer möglich, zur Entlastung der Allgemeinheit beizutragen. Wo diese Einsicht fehlt, sind Sanktionen nicht zu umgehen.“
Natürlich. Selbstverständlich. Wer ohnehin schon kaum Geld zum Leben hat, soll das möglichst noch gekürzt bekommen, weil (Praxiseinschub:) sie nicht mit Bandscheibenvorfall zur Putztruppe will. Oder mit Bluthochdruck in die Gießerei. Wer aber allein vom Besitz schon drei Autos finanziert bekommt, dem ist Verantwortung für die „Allgemeinheit“ fremd. Wir erinnern uns an dieser Stelle: „AfD lehnt Idee einer Vermögenssteuer ab.“ Nein, nicht die Vermögenssteuer selbst, allein die Idee, allein das Drübernachdenken. Besonders erfreut hat uns in der Presseerklärung des Bernd Lucke der Verweis, diese Idee „zielt vor allem darauf ab, mittels Ressentiments und Neidgefühlen auf Stimmenfang zu gehen“. Neid und Ressentiments waren der AfD ja seit jeher ein Graus…

An dieser Stelle – und nur da, mangels Masse – ein ganz ähnlich gelagertes Zitat der AfD SaA zur Erbeschaftssteuer: „Eine Erhöhung der Erbschaftssteuer ist […] im Moment nicht angezeigt.“

Versuch gelungen? Klar gezeigt? Man kann die AfD scheiße finden, auch ohne nur einmal das Wort Asyl oder Geflüchtete/ Flüchtling tippen zu müssen. Ist ganz leicht. Wer mit ihr protestieren will, protestiert für hohe Vermöen und einen freien Markt, der, wenn er gekonnt hätte, auch Siebenjährige in die Bergwerke geschickt hätte.

  1. Das Gefangenendilemma „modelliert die Situation zweier Gefangener, die beschuldigt werden, gemeinsam ein Verbrechen begangen zu haben. Die beiden Gefangenen werden einzeln verhört und können nicht miteinander kommunizieren. Leugnen beide das Verbrechen, erhalten beide eine niedrige Strafe, da ihnen nur eine weniger streng bestrafte Tat nachgewiesen werden kann. Gestehen beide, erhalten beide dafür eine hohe Strafe, wegen ihres Geständnisses aber nicht die Höchststrafe. Gesteht jedoch nur einer der beiden Gefangenen, geht dieser als Kronzeuge straffrei aus, während der andere als überführter, aber nicht geständiger Täter die Höchststrafe bekommt.“ Realistischerweise muss hinzugefügt werden: Es fehlt natürlich die Variante, beide sagen nichts. Dann kann u.U. niemandem etwas nachgewiesen werden. Wer jetzt nicht sofort weiß, was gemeint ist, startpage2 „Anna und Arthur“. [zurück]
  2. Andere sagen googlen, aber das ist nicht so gut. [zurück]