Sarrazin in Jena

Thilo Sarrazin kam am 15. November nach Jena. Gegendemonstrant/-innen versammelten sich vor dem Volkshaus, wo er sprach. Wie schon sein Parteigenosse, der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, musste er durch einen Nebeneingang geschleust werden.
Thilo Sarrazin schrieb zwei Bücher, mit denen sich eine Auseinandersetzung eigentlich erübrigt, denn die dort vertretenen kulturalistischen bis hin zu biologistischen Thesen waren schon nichts neues, als er sie schrieb. Auch 20 Jahre vorher wären sie das nicht gewesen. Sieht man von den Protagonisten ab, waren sie es ebenso wenig, als der Autor zum ersten Mal das Alphabet fehlerfrei aufsagen konnte.
Etwas mehr Beachtung sollte dem Medieninteresse gelten, das den beiden Büchern überhaupt erst diese Aufmerksamkeit verschaffte und beide auch in die viel zitierte Spiegel-Bestsellerliste brachte. Dort standen sie wie zuvor Werke wie „The Secret“ und später „Unter dem Herzen“ und somit in guter Gesellschaft.
Am Donnerstag kam er nun nach Jena, um sein – hoffentlich – letztes Buch vorzustellen, in dem er aus den falschen Gründen gegen den Euro wettert. Eingeladen hatte die Merkur-Bank, die damit nichts weiter tat als Dienst nach Vorschrift. Wie auch Sarrazin selbst in seiner früheren Funktion als Finanzsenator (Berlin unter SPD-PDS-Koalition) und Vorstand der Deutschen Bundesbank ist es auch dem Bankensektor nicht daran gelegen, dass all die in Sarrazins Büchern Diffarmierten erkennen könnten, dass sie mehr miteinander gemeinsam haben als mit „ihrer Bank“, „ihrem Arbeitgeber“ oder auch „Europa“.
Wie sähe es denn aus, wenn die bekennende Muslima auf den Gedanken verfiele, dass sie sehr viel mit der AlgII-Bezieherin teilt, die finanziell und sozial von ihrem verdienenden Lebensabschnittsgefährten abhängig ist? Und sei es auch nur der mitleidige Blick, den die Umwelt für sie bereit hält. Wo wäre man denn, wenn der regulär Beschäftigte plötzlich feststellte, dass der Leiharbeiter neben ihm mehr mit ihm gemein hat als die Geschäftsführung?
Unabhängig davon, wie ernst Autoren und Einlader all die wenig haltbaren Thesen nehmen, sie erfüllen die alte Funktion vom Teile-und-Herrsche. Dass dies auf offene Ohren stößt, sieht man schon allein daran, dass Menschen bereit waren, für diese Veranstaltung knappe 20 Euro zu zahlen. Seien es nun 200 oder 400 – die Zahlen variieren immens – so fanden sich doch auch in der „Lichtstadt von Toleranz, Demokratie und gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit“ ausreichend zahlungskräftige Besucher, die die Veranstaltung nicht gänzlich zur Farce verkommen ließen, von Verbindungsstudenten bis hin zum Chef der Rosenbrauerei. Mitgeholfen haben nicht nur die Merkurbank, die einlud, die Ostthüringer Zeitung (OTZ), die mit Freikarten warb, sondern auch das städtische Kultur- und Marketingsunternehmen Jenakultur, das die Räume zur Verfügung stellte.

Wie auch schon zur Demonstration zum Gedenken an die Opfer des NSU zehn Tage zuvor, so war auch diesmal der bundesweit bekannte Anti-Nazi-OB Albrecht Schröter nicht zu sehen. Vielleicht war es ihm peinlich, sechs Tage nach seiner Ankündigung, sich jederzeit und unter allen Umständen vor bedrohte Menschen zu stellen (für diese Pose musste er ausgerechnet das Gedenken zur Pogromnacht nutzen), nach der Raumvergabepolitik des städtischen Unternehmens gefragt zu werden. Von den Gegendemonstranten hätte er das nicht fürchten müssen, sie schwiegen sich dazu aus. Vielleicht hätten die Gegendemonstrantinnen etwas dazu zu sagen gehabt, aber von denen durfte in schlechtester Jenaer Demonstrationstradition keine ans Mikrophon.