Aufruf

Tagtäglich hören wir von Exportpreisen, vom Wachsen und Schrumpfen „der Wirtschaft“ und von der Armee als deren Erfüllungsgehilfen.
Wir sollen unser Leben dem anpassen: in Lohnzurückhaltung, indem wir unsere Kinder in die Bomber und Panzer schicken, indem wir in unseren Nachbarn „Sozialschmarotzer“ sehen und sie denunzieren.

Damit ist jetzt Schluss.

Aufruf


Wir hören auf
… unsere Trennung voneinander zu vertiefen.

Gespalten sind wir schon genug: in zur Arbeit Hetzende und Menschen mit Ämterstress, menschen im „Normalarbeitsverhältnis“ und jenen in Minijobs und Leiharbeit, Männer und schlechter bezahlte Frauen, in jene, die für 25 Euro in der Stunde Kriegsgerät produzieren und jene, die ihnen für den gleichen Lohn im Monat die Kleidung nähen. Die Trennung beschwören all jene, denen vor unserer gesammelten Wut graut und die unsere Herkunft, unsere Liebe und unsere Sprache nutzen wollen, um uns zu trennen.
… und beginnen mit täglich gelebter Solidarität.
Wir geben unsere Krankenversicherungskarte an Freunde weiter, die sich die Versicherung gerade nicht leisten können. Wir nehmen erwerbslose Freundinnen im Auto mit in die Stadt. Dem Ladendieb schenken wir ein Augenzwinkern und dem Polizisten ein Schulterzucken, wenn er uns nach Namen fragt. Wir besuchen die streikenden Kollegen nebenan. Wir begleiten Freunde zur Arge.

Wir hören auf
… unsere Politik als einen Teil unseres Lebens zu betrachten.

Politik soll nicht mehr etwas sein, wofür wir ein paar Minuten bei der Zeitungslektüre „opfern“, wo wir unseren Frust loswerden, zu Demonstrationen reisen – um danach so weiterzumachen wie bisher. Politik ist keine andere Freizeitbeschäftigung.
… und beginnen, unser Leben wieder als ganz und gar politisch zu begreifen.

Wir teilen mit unseren Nachbarn das Zeitungsabo, wir nutzen die Arbeitspausen für Gespräche über unser Leben. Wir werden laut, wenn unsere Kollegen angegriffen werden. Wir sehen den verschärften Angriffen der Unternehmen nicht tatenlos zu, sondern solidarisieren uns mit Kollegen, die für unsere Gegenwehr verfolgt werden. Am Bahnhof schreiten wir ein, wenn menschen aufgrund ihrer Hautfarbe mit Kontrollen überzogen werden.

Wir hören auf
… unsere Bedürfnisse an den Wünschen des Kapitals anzupassen.

Wir übernehmen keine Verantwortung mehr dafür, dass die Gesamtscheiße weiterläuft wie bisher.
Die Wirtschaft wächst, wir müssen sparen – damit das Wachstum nicht gefährdet wird. Der Absatz bricht ein, wir müssen sparen – damit es „unserer Wirtschaft“ wieder gut geht. Wir „müssen“ produzieren, was woanders Tod und Zerstörung verursacht, um hier die Miete bezahlen zu können.
… und beginnen, Verantwortung für unser Leben zu übernehmen.
Wir formulieren unsere Bedürfnisse und streiten für ihre Erfüllung. Die Mietschulden unseres Nachbarn sind uns wichtiger als die Halbjahresbilanz „unserer“ Firma. Den Hausbesetzerinnen bringen wir Kaffee vorbei und diskutieren mit ihnen über gekürztes Wohngeld und steigende Mieten. Wir organisieren gemeinsame Schwarzfahrten zur nächsten Bahnpreiserhöhung.
Wir vertrauen nicht länger, wir nehmen die Dinge selbst in die Hand.

Wir erobern uns unser Leben zurück. Das ist eine Kampfansage.

[KSK]-Jena & friends, November 2010